Haldern Pop 2013: Das kleine ganz große Festival

Foto: John Grant am Keybord. Mehr Bilder siehe unten.

Wenn man fragt, welches Festival so ähnlich ist wie das Haldern Pop, wird oft das Orange Blossom Special im ostwestfälischen Beverungen genannt. Und tatsächlich haben die beiden einiges gemeinsam, zum Beispiel die Lage im ländlichen Idyll, ihr sehr langes Bestehen und dass sie einfach nicht wachsen wollen.

Das Haldern Pop ist mit 7.000 Gästen an seinem 30. Geburtstag zwar genauso groß wie vor 10 Jahren, aber auch mehr als dreimal so groß wie das Orange Blossom Special. Unterschiedlich ist auch der erste Eindruck: Das Gelände des Haldern Pop mutet mit seiner riesigen Hauptbühne eher groß an. Währenddessen spielt sich in Beverungen das gesamte Geschehen im Garten des Glitterhouse Labels ab und die Terrasse wird kurzerhand zur Bühne umfunktioniert. Auch sonst gibt es dort außer den Dixie-Klos und einer Minibühne keine Aufbauten. Klar is aber auch, dass das Haldern Pop immernoch ein kleines Festival ist, und das soll nach Ansicht der Initiatoren auch so bleiben.

Klein ist also nicht Zufall oder der Unvermögenheit geschuldet, mehr Besucher anlocken zu können. Es ist Konzept. Und wer eines der beiden Festivals schonmal miterlebt hat, wird sofort verstehen warum. Man könnte dem diesjährigen Slogan des Haldern Pop „Be true, not better“ noch hinzufügen „and bigger“. Aber das ist fast schon selbstverständlich geworden und würde außerdem den griffigen Slogan kaputt machen. „Bleiben“, der Slogan des diesjährigen Orange Blossom Special drückt ein ähnliches Gefühl von bescheidener Kontinuität aus.

Aber was ist es nun, dass die beiden Festivals so besonders macht? Bescheidenheit an sich ist nun noch nicht sooo aufregend. Sicher ist jedenfalls, dass es nicht endlose Partynächte, Alkoholvergiftung und Zerstörungswut sind, die manche Menschen auf anderen Festivals zum Teil ausleben. Klar, auch hier benimmt man sich gelegentlich ein bisschen daneben, klettert in Mülltonnen und pinkelt von außen an die Dixie-Klos. Aber alles in allem hält sich in diesem Bereich die Kreativität der Besucher angenehm in Grenzen.

Eine Rolle könnte da noch die Musik spielen, die hier im fünften Absatz wahrscheinlich etwas spät erwähnt wird. Hier kann man beiderseits dann doch wieder besser unterscheiden. Von der Tendenz her bleibt das Orange Blossom Special eher auf dem eingeschlagenen Pfad Folk(-rock)/Singer-/Songwriter während das Haldern Pop schon eher mal Bands aus benachbarten oder komplett anderen Genres bucht. Diese Vielfalt zeigt sich auch in den insgesamt sechs verschiedenen Spielorten, von denen das Spiegelzelt sicherlich der originellste und stimmungsvollste ist.

Dort spielte auch die Band Metz, die am Freitag als letzte Band mit krachenden Gitarren für Stimmung sorgte und Käptn Peng & die Tentakel von Delphi, die am Samstag den „Dickdarm des Hiphop bis in die Nebenvenen des schamanistischen Trash-Funk“ durchsegelten (Bandbeschreibung).

Metz waren außerordentlich laut und klangen eher nach Wacken als nach Haldern. Umso ungewöhnlicher, dass sie hier zu spielten, desto elektrisierender war ihr Auftritt. Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass die Airline die Instrumente der Band irgendwo hin aber nicht zum Zielort brachte und ihr Gig den ganzen Abend über auf der Kippe stand. So hatte man das Gefühl, dass sich in ihrem Auftritt die über den ganzen Abend angestaute Spannung auf einmal entlud.

Käptn Peng aka Robert Gwisdek und glänzte auf der Bühne -trotz absolut engem Zeitfenster- mit toll durchdachtem Wortwitz, einer dichten Dramaturgie und allerhand Spontanität. Die war nötig wenn sich im Publikum mal wieder ein Sprechchor bildete, der sich fast durch das gesamte Konzert zog: „Löten, löten, löten“ wurde lautstark skandiert ohne das jemand wusste warum und wozu. Der Käptn ist damit aber souverän umgegangen und hat die Rufe schlichtweg in die Show mit eingebaut wie in dem kurzen Video zu sehen ist. Die Tentakel, die auf allen möglichen Gegenständen Musik machen, aber eher nicht auf Musikinstrumenten begleiteten den Peng dabei so toll, dass man sich nur wünschte Brand, Brauer und Frick würden ihnen etwas von ihrer Zeit abgeben.

Vom Musikstil mitten ins Kerngeschäft des Haldern Pop gehört wohl die belgische Band Balthazar, die fast Nonstop in Europa auf Tour ist und eine tolle Performance hinlegte. Eingängige Rhythmen verwoben mit mehrstimmigen sphärischem Gesang kommen genauso melancholisch wie wuchtvoll daher. Die vier Vocalists bilden dabei am vorderen Bühnenrand eine Linie aus der sie kollektiv oder einzeln immer wieder schwungvoll zurückwichen und so ihrem Sound eine stimmige und eindrucksvolle Visualität verliehen. Absolut sehenswert.

Bear’s Den war eine der Überraschungsbands des Festivals und werden es Mumford & Sons nicht leicht machen sich gegenüber ihrer Vorband auf der gemeinsamen Tour zu behaupten. Rechneten letztere in ihrem neuen Video mit allen Folk Klischees ab, laden Bear’s Den sich diese erst gar nicht auf. Dafür trumpfen sie mit einer ruhigen Grundstimmung in ihrer Musik auf, die sich auf der Bühne in eine schwungvolle und mitreißende Performance verwandelt.

Die irische Band The Villagers beeindruckte mit melancholisch vertäumten Brit Pop allem voran dank Frontmann Conor J. O’Brien. Seine dunkle, klar akzentuierten Stimme sorgt dabei für eine besondere Tiefe.

John Grant schloss am Donnerstag nach der wundervoll impulsiven und stark mit psychodelischen Elementen spielenden Julia Holter das Bühnenprogramm im Spiegelzelt ab. Absolut beeindruckend war, wie er an Harmonie und Wohlklang nur so strotzende Country/Popmusik mit  schweren Inhalten füllt. In seinen Texten geht es oft um sein eigenes Schicksal, dabei aber ebenso ironisch wie ehrlich und hart. Dass er über Dinge singt, die ihn im tiefsten Herzen berühren, wird deutlich, wenn er auf die Unterdrückung von Homosexuellen in Russland aufmerksam macht und den Menschen dort seine Solidarität ausdrückt.

Neben dem eigentlichen Festivalgelände mit Hauptbühne, dem atmosphärischen Spiegelzelt und dem Biergarten gibt es im Ort Haldern noch zwei weitere Locations: Die Kirche, die nur am Donnerstag bespielt wird und dabei mit so besonderen Künstlern wie dem Pianisten Lubomyr Melnyk aufwartet und die Pop Bar direkt gegenüber. Dort treten auch außerhalb der Festivalzeit regelmäßig Künstler aus dem Dunstkreis der Halderner Musikgemeinde auf. Bereits zum zweiten Mal hat Helmut dort gespielt, der alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist. In Berlin ansässig, baut er mit live eingespielten, geloopten Stimm- und Gitarrensamples ein sphärisches Klangbild auf, in dem man sich gerne für einen Moment verliert. Durch den guten Kontakt zu Klaus Fiehe leif bereits ein Stück des neuen noch nicht erschienen Albums auf Einslive.

Eine der wenigen deutschen Newcomer Bands auf dem Festival war die junge Hamburger Band Trümmer. Dabei haben die Jungs aus Hamburg einen sehr ordentlichen Auftritt abgeliefert. Freunde des punkig angehauchten Deutschrock sollten sich diesen Namen jedenfalls merken.

Das sorgfältig ausgewählte Musikprogramm trägt wohl wesentlich zu der besonderen Stimmung auf dem Haldern Pop bei. Niemand erwartet einen Superstar nach dem anderen. Im Gegenteil: Es sind die vielen Überraschungen, auf die man sich freuen kann. Die Organisatoren investieren über das Jahr hinweg viel Zeit mit dem Sichten von neuen Bands. Letztlich vertraut das Publikum genau darauf und wenn man sich so umhört wurde bisher noch kaum jemand enttäuscht. Daher kann das Motto auch für die nächsten 30 Jahre nur lauten: Be true, not better.

Und was das Jubiläum angeht: Unter dem Namen „Du die Schwalbe, wir der Sommer“ wurde am Wochenende schon fleißig an einer Doku gearbeitet, die genau diese Stimmung einfangen soll. Auf der Crowdfunding Seite könnt ihr dabei helfen, das Projekt fertig zu stellen: http://www.startnext.de/doku-30-jahre-haldern-pop

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