Clueso als Special Guest: Platzhirsch Festival legt fulminantes Debut hin

“Clueso?” Ich habe René nach seinem persönlichen Highlight auf dem Festival gefragt, aber mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. “Ja, Clueso kommt kurzfristig vorbei. Er hat von dem Festival gehört und will uns unterstützen.”

Clueso und Baris Aladag an den Turntables.
Clueso und Baris Aladag an den Turntables.

René Wolf, einer der Organisatoren, kann die Unterstützung gut gebrauchen. Denn von der Stadt fühlt er sich ziemlich im Stich gelassen. Eigentlich hatten sich Kulturschaffende im vergangenen Jahr zusammengeschlossen, um das Traumzeit Festival zu retten. Vor knapp vier Monaten entscheiden sie dann aber, ein eigenes Festival am Dellplatz auf die Beine zu stellen.

Für Artenvielfalt – gegen inhaltliche Monokultur, so lautet das Motto unter dem an drei Tagen Hundert Programmpunkte an 20 Locations stattfinden. Neben bekannten Künstlern wie Stoppok oder Jacques Palminger sind auch Duisburger Größen und Newcomer (Komoko, Flash Preuszen oder Domingo) dabei. Schauspiel und Lesungen finden im Programm genauso einen Platz wie grenzüberschreitende Musikprojekte (Fanfare Masolo oder Myanmar meets Europe).

Der Dellplatz liegt  in einem ruhigen Viertel Duisburgs, etwa 10 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. In den Häuserzeilen wechseln sich Kneipen mit Clubs und Cafés ab. Der ausladende, von einigen Bäumen gesäumte Platz vor der Josephskirche, ist die Zentrale des Festivals. René Wolf agiert von hier aus, wenn es um Organisatorisches, Technik oder den Programmablauf geht. In der Mitte des Platzes steht eine runde Bühne, die von allen Seiten einsehbar ist. Es gibt keine Absperrung, kein Backstage und keine Security.

“Das ganze Festival wird von ehrenamtlichen Helfern organisiert. Klar, die Technik wird natürlich bezahlt und die Musiker bekommen auch ihre Gage. Das war uns wichtig.” Wenn René nicht gerade über sein Walkie-Talkie gerufen wird, erzählt er so begeistert, dass man kaum noch Fragen stellen muss. Zum Beispiel, von der ersten gemeinsamen Aktion vor zwei Jahren, einer Demo zur Rettung des Liveclubs Djäzz, die die Initialzündung für alles weitere war.

Aufgrund von Anwohnerbeschwerden verbot die Stadt dem Djäzz, später als bis 1 Uhr geöffnet zu haben. In der Konsequenz hätte der Club dichtmachen müssen. Die Mischkalkulation funktioniert nur mit den bis spät in die Nacht dauernden Livesessions und Partys. Auf der Demo waren 500 Menschen und schon damals gab es neben den Kundgebungen jede Menge Livemusik.

Gerade war das Djäzz gerettet, da stand auf einmal ein weiteres Aushängeschild Duisburger Musikkultur vor dem Aus: Das Traumzeit Festival. RWE sprang als Sponsor ab und die Stadt verpasste es, für 2012 die Finanzierung zu sichern. Die Traumzeitretter  um den omnipräsenten René Wolf setzten alle Hebel in Bewegung, aber die Absage war für 2012 nicht mehr zu verhindern. Nachdem Versuche scheiterten, sich inhaltlich in die Planung des Festivals 2013 einzubringen, beschloss man im Frühjahr 2013, den Platzhirsch röhren zu lassen.

Der erste Tag sei der schlimmste gewesen, so der 27 jährigen René. “Wenn jetzt alle paar Minuten das Walkie-Talkie piepst, dann ist das relativ entspannt im Gegensatz zu gestern”. Die Gastronomen seien bisher mit dem Umsatz zufrieden und der Ticketverkauf liefe ebenfalls gut.

Thomas Amshove, Betreiber des Goldengrün und Mitorganisator, ist die Vielfalt besonders wichtig. Das gelte für das Musikprogramm, aber auch für das Publikum, dass man ansprechen will. Für ihn ist die Kneipe oder der Club ein Ort des Austausches. Wenn es nur um den kommerziellen Erfolg geht, sei es aber schwierig, diese Möglichkeit zu bewahren.

Fanfare Masolo heizen ein
Fanfare Masolo heizen ein.

Ein Highlight am frühen Samstag Abend war die Jugendbrassband Fanfare Masolo, die aus etwa je 10 Jugendlichen aus dem Kongo und Nordrhein Westfalen besteht. Mit viel Energie brachte sie den mit etwa 300 Zuschauern gut gefüllten Dellplatz in Stimmung. Anschließend performte dort das Komma Theater Schillers sämtliche Werke (leicht gekürzt). Stoppok begeisterte das überwiegend etwas ältere Publikum mit seiner Soloshow im Grammatikoff. Der volle Saal feierte die oft als “schnodderig” beschriebenen Reime des Alleinunterhalters bei ausgelassener Stimmung.

Komoko mit maximaler Platzausnutzung
Komoko mit maximaler Platzausnutzung.

Äußerst skurril war der Auftritt der Intrumental Band Kokomo. Die drei Gitarristen, der Bassist und der Schlagzeuger mussten sich im hinteren Teil des beengten Goldengrün mit geschätzt vier Quadratmetern “Bühne” begnügen. Der schlauchartige Raum der Cocktailbar, an dessen rechter Seite sich über fast die ganze Länge die Theke zieht, war fast automatisch gut gefüllt. Dennoch war direkt vor der Band recht viel Platz, was wohl daran gelegen hat, dass die besondere Akustik (Tinitusgefahr) nicht jeder mochte. Dennoch, oder gerade deswegen ein sehr eindrucksvoller Gig der fünf Jungs.

Etwas leiser ging es im Indie zu. Dort spielten die selbsternannten Düsseldorfer All Stars Flash Preuszen ein Akustik Set. Die Band selber gibt es aber erst seit etwa einem Jahr. Einfallsreichtum war auch hier im Band Setup gefragt, anstatt Bühne bediente man sich einfach der vorhandenen Bestuhlung. Nur der Drummer musste etwas abseits in ziemlicher Dunkelheit ausharren. Dass Rock auch leise und in gediegener Atmosphäre geht, haben die vier Musiker eindrucksvoll bewiesen.

Krönender Abschluss des Abends war das DJ Set von Diskostress, aka Clueso und Baris Aladag im Grammatikoff. Kurz vorher wurde der Gig bekannt gegeben, sodass allzu hysterische Reaktionen ausblieben. Dennoch scharrte sich erst einmal eine kleine Gruppe von Smartphone Fotografinnen um das DJ Pult. Bei Elektro mit einigen Oldschool Einflüssen wurde die Hirschsalat Party zum Zuschauermagneten des Abends.

René Wolf zog ein positives Zwischenfazit. Erwartet wurden pro Festivaltag etwa 1.000 Besucher. Ob dieses Ziel erreicht wird, war noch nicht klar. Dennoch hofft er mit einem erfolgreichen Auftakt auf eine gute Ausgangssituation für das kommende Jahr.

Vorschusslorbeeren bekommt auch der neue Kulturdezernet der Stadt, Thomas Krützberg. Er war am Freitag kurz auf dem Dellplatz. Die Hoffnung bestehe, dass er sich nicht nur für die Hochkultur stark macht, sondern auch die Subkultur fördert. Denn die Hochkultur funktioniere nicht ohne Subkultur und anders herum auch nicht, so René, kurz bevor wieder das Walkie-Talkie piepst.

Leave a Reply

avatar
  Subscribe  
Notify of