“Es reibt sich, fühlt sich aber gut an” – Wie the Secret sits Black Metal, Indie und Klassik vereinen

Ein Metal Schlagzeuger (Jakob), ein klassischer Pianist (Julian) und zwei Indie-affine Gitarristen (Milan und Simon) in einer Band? The Secret sits beweisen, dass es die Mischung macht und eine sphärische Dichte entstehen kann, wie man sie sonst nur von Radiohead oder Muse kennt.

Wir haben die vier Musikstudenten gefragt, wie sie es geschafft haben, innerhalb eines Jahres ihren eigenen Sound zu finden, eine ausgewachsene EP zu produzieren und ein Musikvideo zu drehen.

Was ist das für ein Gefühl, die eigene EP in den Händen zu halten?

Jakob: Das ist richtig geil.

Julian: Für eine EP war das ein langer Prozess und dann ist es toll endlich das Resultat in den Händen zu halten.

Milan: Es haben uns auch Leute gefragt, warum wir überhaupt noch eine EP rausbringen, weil ja schon so viel online passiert. Uns war es aber wichtig, den Leuten etwas in die Hand geben zu können, vor allem auf Konzerten.

In welchen Bands habt ihr vorher gespielt?

Jakob: Ich hab in verschiedenen Bigbands gespielt.

Milan: Während der Schule in einer Jazzband und zuletzt bei Elektra.

Julian: Ich hab recht lange bei Murphys Law gespielt und wir haben zwei EPs und ein Livealbum produziert. Durch das Studium ist das dann aber auseinander gebrochen.

Ihr studiert alle Musikwissenschaften?

Julian: Ja, darüber haben wir uns kennengelernt und wir sitzen auch manchmal zusammen in Vorlesungen und Seminaren. Wir verbringen viel Zeit zusammen, was aber cool ist.

Jakob: Ja, eigentlich ist es erstaunlich, dass das so gut klappt. Vor allem bei dem Videodreh, als wir die Nächte durchgearbeitet haben und vier Tage am Stück zusammen waren.

Julian: Es gibt natürlich schon so Extremfälle…

Jakob: …als Julian mir am letzten Tag des Videodrehs Wasser ins Ohr gekippt hat. Ich hab dafür überall seine Kippen verstreut.

Wie beeinflusst das Studium eure Musik?

Julian: Naja, das Studium ist erstmal sehr theoretisch. Eigentlich wollten wir alle eine praktische Ausbildung machen, um als Berufsmusiker zu arbeiten. Aus verschiedenen Gründen hat das nicht sofort geklappt. Letztlich studiert aber kaum jemand Musikwissenschaften, um Musikwissenschaftler zu werden. Die meisten Leute wollen selber Musik machen, und das Studium hier in Köln zieht viele gute Musiker an, die in einer ähnlichen Situation sind, wie wir.

Jakob: Für uns ist auch die Perspektive auf unsere eigene Musik wichtig. Der theoretische Input ist super spannend für uns, dabei geht es auch um Akustik und  wie Musik neurologisch aufgenommen wird. Das bringt uns zwar praktisch oder technisch nicht direkt weiter, aber es verändert unsere Sichtweise auf Musik.

Milan: Ich genieße es, dass ich an meinem Instrument frei bin und mir da keiner rein redet. So kann ich die verschiedenen Einflüsse aus meinem Studium auf die Art und Weise verarbeiten wie ich das möchte.

Julian: Außerdem sind wir dadurch auch sehr kritisch gegenüber unserer eigenen Musik geworden. Wir basteln unsere Songs nicht mal eben so zusammen. Das ist immer ein längerer Prozess und es dauert lange, bis wir alle vier von einem Song überzeugt sind.

Warum habt ihr die Songs, die ihr im Deutsche Welle Studio eingespielt habt, umarrangiert?

Julian: Wir stellen an uns selber hohe Ansprüche. Und es wird schnell langweilig, wenn man die Songs immer gleich spielt. Gerade wenn man die Chance hat, bei der Deutschen Welle zu spielen, ist das ein Ansporn, sich etwas besonderes zu überlegen. Außerdem kommt es auch immer darauf an, welche Instrumente man zur Verfügung hat.

Jakob: Auch wenn wir live spielen, improvisieren wir viel und überlegen uns für jedes Konzert etwas neues. Es wird auch immer wichtiger, interessante Livesets zu spielen. Die Leute kaufen weniger Platten und wollen eine starke Performance sehen.

Milan: Wir können und wollen die Sachen nicht immer so spielen wie im Studio. Zum Beispiel habe ich nicht immer so viele Gitarren zur Verfügung, sodass ich gezwungen bin damit kreativ umzugehen.

Ihr habt im Deutsche Welle Interview gesagt, dass der Song Lowe in der ursprünglichen Fassung zu schön war, und ihr ihn deshalb zerstören musstet. Warum das?

Jakob: Ursprünglich war der Song eine Ballade. Auf der Platte wird der Song am Ende nochmal richtig hart, menschlicher wenn man so will.

Julian: Genauso war das mit dem Song Worlds. Da kam ich ursprünglich auch mit einer Ballade an. Aber unser Songwriting und Arrangement ist eben so, dass alle in der Band gleichberechtigt sind. Dann schmeißt man einen Song in die Runde und schaut, was dabei raus kommt.

Jakob: Songs, die wir noch nicht auf der EP haben, sind auch immer noch im Prozess. Und es hängt auch von der Interaktion auf der Bühne ab, wie ein Song sich verändert.

Milan: Wenn ein Song aufgenommen ist, dann ist er fertig. Dann variieren wir immer noch Elemente, aber die Struktur steht.

Ihr sagt, dass eure Musik von den Widersprüchen lebt, die ihr mitbringt. Was meint ihr damit?

Julian: Wir haben alle verschiedene Musikgeschmäcker und Hintergründe. Und aus den Überschneidungen ergibt sich unsere Musik. Ich hatte die ersten Jahre klassischen Klavierunterricht und hab dann erst mit Jazz weitergemacht und Trompete gespielt.

Milan: Ich hab vorher in einer Elektropop-Indie Band gespielt. Ich hab auch eine Zeit lang selber Elektro aufgelegt.

Jakob: Ich mag sehr gern Extreme Metal. Experimentelle Black Metal Sachen wie Weakling oder Enslaved gefallen mir, aber auch Nails, die eher Grindcore machen. Simon kommt eher aus dem Progressive Rock. Es kommt auch echt drauf an, was wir zusammen hören. Wenn wir hier im Probenraum jammen und eine Nacht zu geiler Minimalmusik abgehen, dann hat man das noch eine Zeit lang im Hinterkopf. Das hört man ansatzweise bei Dissolved raus, was am Anfang ein ziemlich abgefuckter Drum’n’Bass Jam von Julian und mir war. Der Beat, der jetzt da ist, ist insgesamt langsamer und minimalistischer geworden. Letztlich picken wir uns einzelne Elemente aus den vielen Einflüssen raus und integrieren die in  den Sound.

Auf eurem youtube channel habt ihr genau einen Account abonniert, und zwar den von SIDO. Warum ausgerechnet den?

(Lautes Lachen) Jakob: Wir haben echt kein Plan wer das abonniert hat, für sowas kommt eigentlich nur Julian in Frage, weil der nicht immer so ganz geschmackssicher ist.

Julian: WAS…? Zugegeben, die Live Sachen find ich gar nicht so verkehrt. Aber ich war das trotzdem nicht.

Milan: Ne, wir hören auch Hip-Hop. Aber eben guten Hip Hop, wie Kendrick Lamar, Tyler the Creator oder Macklemore.

Julian: Ich mag aber auch das neue Album von Kanye West, das die meisten Hip-Hop Heads eher verreißen.

Milan: Ich find auch Casper geil, die neue Platte ist übrigens von Konstantin Groppe von der Band Get Well Soon produziert worden.

Wie seid ihr eigentlich zusammengekommen, wenn ihr so unterschiedliche Interessen habt?

Milan: Julian und ich haben uns auf der Einführungsveranstaltung im ersten Semester kennengelernt.

Julian: Ich meine, die Initialzündung für dieses Projekt war eine Freundin von uns, die ein Singer-Songwriter Fest veranstaltet hat. Die hat uns gefragt, ob wir da spielen wollen. Wir zwei haben versucht was auf die Beine zu stellen, haben aber schnell gemerkt, dass wir in dem Genre nicht so ganz zuhause sind.

Von Jakob hatte ich nur gehört, dass er ein guter Schlagzeuger sei, aber kennengelernt haben wir uns erst später. Weil wir in eine etwas härtere Richtung gehen wollten, haben wir dann mal zusammen gespielt und es hat gepasst! Nach einem Bassisten haben wir etwas länger gesucht.

Milan: Simon ist eigentlich der bessere Gitarrist was das Technische angeht. Durch den Hintergrund spielt er den Bass ganz anders, was sehr spannend ist. Ganz wichtig ist aber das Menschliche. Er ist ein sehr vermittelnder Typ und selber sehr bescheiden.

Julian: Das ist vor allem gut, weil Jakob und ich meistens verschiedener Meinung sind.

Jakob: Es reibt sich, aber es fühlt sich gut an.

(Lautes Lachen)

Wie ordnet ihr eure Musik selber ein?

Übereinstimmend: Schwieriges Thema.

Milan: Eigentlich sind wir erst durch die CD gezwungen, uns einem Genre zuzuordnen. Und diese ganzen neueren Zusätze wie Post-, Extreme, Black-, etc. sind da keine allzu große Hilfe.

Julian: Es ist ja so, dass jede Band auf diesem Planeten davon überzeugt ist, dass sie etwas völlig Neues und Einzigartiges macht. Das ist bei uns nicht anders. Durch das Studium wird man außerdem dafür sensibilisiert den Genrebegriff in Frage zu stellen und sowas fließt natürlich in die Diskussion ein. Wir behelfen uns dann mit Bandnamen, deren Einfluss man hört. Postrock, Artrock, Progressive und Pop sind auf jeden Fall Begriffe, die fallen, wenn wir uns selber beschreiben sollen. Vergleiche mit Radiohead oder Muse sind bestimmt nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Jakob: Postrock im eigentlichen Sinne, also, dass die bekannten Rockstrukturen aufgebrochen werden und andere Einflüsse reinkommen ist sicher richtig. Artrock geht in eine ähnliche Richtung, wobei wir mit den Bands, die dann oft genannt werden, wie Yes oder Beach Boys, nicht viel anfangen können.

Toys2masters: Warum seid ihr da schon so früh ausgeschieden?

Milan: Naja, wir haben uns bewusst dazu entschieden in Aachen zu spielen und nicht in Köln. Wir hatten aber nicht daran gedacht, dass wir an Ostern spielen, sodass alle Leute, die wir in Aachen kennen, zuhause bei ihrer Familie waren. Daher haben wir dann Null Erststimmen, aber immerhin über 60 Zweitstimmen bekommen.

Julian: Ich, für meinen Teil, hab die ganze Aktion aber überhaupt nicht bereut. Der Musikbunker, wo wir spielen konnten, ist eine tolle Location und wir haben vor vielen Leuten gespielt, die wir sonst nicht erreicht hätten. Außerdem haben wir andere tolle Bands kennengelernt.

Jakob: Ein anderer Aspekt, warum Bands bei diesen Contests mitmachen ist ja, dass man Studiotage, Fotoshootings, Videodrehs oder solche Sachen gewinnen kann. Das haben wir in den letzten Monaten auch alles auf die Beine gestellt. Wir trauern da also gar nichts hinterher, sondern freuen uns, dass wir mitmachen konnten und viel Erfahrung und gute Kontakte sammeln konnten.

Ihr habt lange Zeit im Studio verbracht. Das kann sich nicht jede Newcomer Band leisten. Wie kam es dazu?

Jakob: Ich hatte jemanden kennengelernt, der gerade sein eigenes Studio aufgemacht hat. Dem hab ich mal eine Aufnahme gegeben, die wir hier im Probenraum gemacht haben.

Julian: Er hat dazu gesagt “Ich finde eure Musik super, aber irgendwie klingt das ein bisschen muffig”.

Jakob: Jedenfalls sind wir dann zu ihm gekommen und wollten eigentlich nur zwei Songs aufnehmen. Das lief dann aber so gut, dass wir direkt die EP aufgenommen haben.

Milan: Die Zusammenarbeit war echt gut und unser Produzent hat uns super Feedback gegeben.

Julian: Das ist echt nicht selbstverständlich. Am schlimmsten sind diese Ja-Sager, die dir nur sagen: Ja, war ok. Aber als junge Band brauchst du ehrliches Feedback, damit du dich weiterentwickeln kannst. Und das hat super gut geklappt.

Auf eurer EP sind 5 Stücke, mit insgesamt 24 Minuten Spielzeit. Das geht schon fast in Richtung Album oder?

Milan: Nach den Richtlinien der deutschen Albumcharts würde sie tatsächlich als Album durchgehen.

Julian: Aber es wäre völlig lächerlich das als Album anzupreisen, für mich ist ne CD mit einer halben Stunde Spielzeit noch kein Album.

Jakob: Wir haben die Songs schon bewusst ausgewählt. Aber dabei ging es mehr darum, das ganze musikalische Spektrum abzudecken, das wir spielen. Für ein richtiges Album sollte das kein Kriterium sein.

Noch bevor eure EP gemastert war, habt ihr mit dem Videodreh begonnen. Warum ging das so schnell?

Julian: Wir haben das super Glück, in unserem Umfeld ganz viele kreative Menschen zu haben, die bereit sind mit und für uns zu arbeiten. Der Kameramann, mit dem wir das Video gedreht haben, ist zum Beispiel von sich aus auf uns zugekommen und hat gefragt, ob wir ein Video mit ihm drehen wollen. Ein Verwandter von mir hat eine Eventtechnik Firma und hat für uns das Equipment und die Location klar gemacht. Während des ganzen Videodrehs war er da und hat wie ein Tier gearbeitet.

Das Cover unserer EP hat ein befreundeter Fotograf gemacht, für den das eine seiner ersten Referenzen ist. Wenn jeder etwas davon hat, dann ist das natürlich umso schöner!

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Sucht ihr ein Label oder wollt ihr unabhängig bleiben?

Julian: Die Fragen stellen wir uns natürlich auch. Klar, wär es toll, wenn wir von unserer Musik leben könnten. Aber wir würden gern soweit wir möglich unabhängig bleiben.

Milan: Aber es hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. Ein Label würde uns Geld geben um eine CD aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Aber eben auch Vorgaben machen, zum Beispiel wie wir klingen sollen.

Julian: Man muss natürlich bedenken, dass bei gängigen Verträgen mit Major Labels der kleinste Prozentsatz beim Musiker ankommt. Major Labels sind aber nicht per se schlecht. Die machen dich eben auch groß. Lena Meier-Landrut wäre ohne Label niemals so schnell weltweit erfolgreich geworden. Aber wir sind nicht darauf fixiert und loten auch andere Möglichkeiten aus.

Jakob: Es gibt auch Gegenbeispiele. Macklemore vermarktet sich weltweit sehr erfolgreich selber. Komplett ohne Label. Die Möglichkeiten dazu gibt es erst seit wenigen Jahren und für eine Band bedeutet das auch sehr viel Arbeit. Wenn uns das zu sehr von der Musik ablenkt, ist das eben auch nicht gut.

Julian: Im Moment genießen wir es sehr, mit so vielen, tollen Leuten und Freunden zusammen arbeiten zu können. Aber es muss eben alles seine Balance haben. Wenn ein Label kommt und ein gutes Angebot macht, werden wir das nicht ausschlagen. Außerdem geht Jakob bald für ein paar Monate zum Studieren nach Paris, was nicht ganz so einfach für uns ist. Aber wir machen aus der Not eine Tugend und wollen zumindest zwei oder drei Gigs dort und vielleicht auch in den Beneluxländern spielen.

Noch eine Frage, aber eher aus persönlichem Interesse: Lest ihr CD-Rezensionen?

Jakob: Ja, ziemlich viel sogar. Zum einen um neue Bands kennen zu lernen, aber auch um zu verstehen, wie Musik bei Rezensenten ankommt.

Julian: Habt ihr die Rezension vom neuen Will I Am auf laut.de gelesen? (lacht laut)

Jakob: Das neue Album #Willpower wurde völlig zerissen und dann ist eine Rezension eher Poesie, eben auch eine Kunstform.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

Termine: EP Release Konzert am 13.09. um 19:00 im Bogen 2, Köln. Mehr Infos hier.

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